Städtebau & Stadtplanung

Die Themen Klimaschutz und Klimaanpassung haben in den letzten Jahren in nahezu jede Agenda der räumlichen Planung Eingang gefunden. Das erklärte Ziel der Bundesregierung ist eine Energiewende, ein Konzept, das erstmalig 1980 in einer Studie des Öko-Instituts Erwähnung fand (vgl. Krause et al. 1980) und sich schnell in der Stadtplanung etablierte. Die zentralen Weichen für eine sichere und klimaverträgliche Energieversorgung in Deutschland hat die Bundesregierung mit ihrem Integrierten Energie- und Klimaprogramm (IEKP) gestellt. Auf kommunaler Ebene sind nun infra- und raumstrukturelle sowie ökonomische Voraussetzungen und die Bereitschaft zu freiwilliger Selbstverpflichtung entscheidend für das Gelingen der Energiewende, die Steigerung der Energieeffizienz und die Integration erneuerbarer Energien.

Aus sozialen, ökologischen, stadtklimatologischen als auch energetischen Gründen spielt die Grün- und Freiraumentwicklung im Klimaschutz eine besondere Rolle. Das Ruhrgebiet verfügt über ein breites Spektrum an Grün- und Freiflächentypen, die insgesamt fast 75 % der Gesamtfläche der Region einnehmen. Ungefähr die Hälfte davon entfällt auf landwirtschaftliche Nutzflächen, die meist abseits der großen Kernstädte liegen. In den urbanen Räumen der Region finden sich dagegen vor allem Parks und Kleingärten, die 15 % aller Grün- und Freiflächen ausmachen. Industrie- und Gewerbebrachflächen, die das Potenzial für eine neue, grüne Infrastruktur und ökologisch nachhaltige Urbanisierungskonzepte bieten, belegen rund 5 %, Gewässer knapp 3 % aller Grün- und Freiflächen (Berechnung auf Datengrundlage von http://www.auf-karte.de).

Die grünen und blauen Bänder des Ruhrgebiets sind sowohl strukturierende Elemente der Metropolregion als auch wichtige Lebensgrundlage für Mensch und Tierwelt. Freiräume tragen zur Verbesserung der Lebens- und Freizeitqualität (vgl. BMUB 2015: 54f.) sowie der Umweltgüte bei. Sie sind unerlässlich für die Kühlung und Durchlüftung bebauter Siedlungsflächen (vgl. Henninger 2011: 93ff.) und bergen zudem auch energetisches Potenzial: Nicht nur dienen die Gewässer im Ruhrgebiet der Energieerzeugung, auch der Grünschnitt, der bei der Bewirtschaftung sämtlicher Grünflächen anfällt, kann hierfür eingesetzt werden (vgl. Porath & Rohler 2015: 92ff.; Dettmar & Sieber 2015: 46ff.). 

Die heterogene Grün- und Freiraumstruktur des Ruhrgebiets mit seinen Wäldern, Parks, Gewässern und Feldern sowie den »Freiflächen aus zweiter Hand«, z. B. Abraumhalden und Industriebrachen, bringt zahlreiche Herausforderungen für die Zukunft mit sich. Eine zentrale Aufgabe wird sein, die unterschiedlichen Fragmente der Landschaft richtig zu lesen. Räume und Flächen sollten nicht nur funktional genutzt, sondern auch als Biotope, Landwirtschafts-, Verkehrs- oder Ausgleichsflächen verständlich gestaltet und erlebbar gemacht werden. Bei der Entwicklung urbaner Räume müssen zukünftig auch die Infrastruktursysteme (Energieversorgung, Verkehr, Wasserwirtschaft, Informations- und Kommunikationssysteme) in eine nachhaltige Stadtentwicklungsplanung reintegriert werden. Eine weitere Herausforderung stellt die Einbindung der bereits genannten Freiflächen »aus zweiter Hand« dar, damit diese den Zielen der Energiewende zuträglich sind und die ökologische Wertigkeit der Region verbessern. 

Auch wenn Weichenstellungen für den räumlichen Zusammenhalt des Ruhrgebiets nur auf regionaler Ebene möglich sind, z. B. durch Leitlinien für Landschaftsplanung und Mobilität, so ist doch die Bedeutung der Quartiere, Nachbarschaften und einzelner AkteurInnen für eine nachhaltige Entwicklung entscheidend, generieren und erproben sie doch konkrete und praxisnahe Ideen. Die Einheit der Nachbarschaft hat sich sowohl als Bezugs als auch als Handlungs- und Produktionsraum für die BewohnerInnen vor Ort herausgebildet – hier fühlen sich die Menschen angesprochen und erleben, wie das eigene Handeln einen Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität leisten kann. Durch eine Inwertsetzung der Region kann man den Transferprozess zwischen der kleinräumigen und der regionalen Ebene stärken und so lokale Ressourcen erschließen. Gleichzeitig gilt es, integrative Strategien zu entwerfen, die die Wechselbeziehungen zwischen unterschiedlichen Themen der Nachhaltigkeitsdebatte nutzbar machen, z. B. zwischen Siedlungsentwicklung und Mobilität, Freiraum und Baustruktur, Raum und Innovation. Nur wenn es gelingt, die Potenziale der Region auf allen Ebenen und unter Beteiligung aller relevanten AkteurInnen für den Wandel zu aktivieren, ist das Ziel eines nachhaltigen Ruhrgebiets erreichbar. 

Kommunale Aktivitäten im Klimaschutz

Das Spektrum der Aktivitäten und Strategien der Kommunen des Ruhrgebiets im Bereich Klimaschutz ist breit gefächert. Insgesamt 23 Städte im Ruhrgebiet sind bereits dem Klima-Bündnis beigetreten und formulieren mitunter anspruchsvolle Emissionsziele. Bottrop strebt beispielsweise an, im Pilotgebiet der InnovationCity Ruhr die CO²-Emissionen bis 2020 um 50 % gegenüber dem Basisjahr 2009 zu reduzieren (vgl. Stadt Bottrop 2014: 26). Essen hat sich ein Emissionsminderungsziel von 40 % bis 2020 gesetzt, während Gelsenkirchen bis zum Jahr 2020 eine Reduktion um 25 % gegenüber dem Wert von 2008 anstrebt (vgl. Stadt Essen o. J.; Stadt Gelsenkirchen 2011: 22). Andere Kommunen im Ruhrgebiet haben sich (noch) kein verbindliches Reduktionsziel gesetzt, sondern versuchen, über einzelne Maßnahmen bzw. Handlungskonzepte Emissionsminderungen zu erwirken. 

Autoren: Daniel Bläser, Henning Fort
Quelle: eigene Darstellung

Wasserlandschaft

Die der Region namensgebende Ruhr durchfließt das südliche Ruhrgebiet. Sie ist mehrfach gestaut und bildet so eine Abfolge von künstlichen Seen. Das Ruhrtal hat nicht nur Freizeitfunktion, sondern ist auch für die Stromproduktion von Bedeutung: Entlang der Ruhr und ihrer Zuflüsse befinden sich viele Wasserkraftwerke; hinzu kommt das Pumpspeicherkraftwerk am Hengsteysee in Herdecke. Insgesamt belief sich der Anteil der Wasserkraft an der installierten Stromleistung von erneuerbaren Energien im Ruhrgebiet Mitte 2015 auf ungefähr 15 %. Der Umbau des nördlicher gelegenen Flusses Emscher wird nicht nur zur Landschafts- und Wohnqualität beitragen, er birgt auch Chancen für einen Ausbau der Produktion von Wärme und Strom aus der Verwertung von Klärgas und -schlamm in Blockheizkraftwerken sowie für die Nutzung von Abwasserwärme (vgl. Grün 2015: 38f.).

Autoren: Daniel Bläser, Henning Fort
Quelle: eigene Darstellung auf Grundlage Regionalverband Ruhr (RVR), Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz
Nordrhein-Westfalen (LANUV NRW), OpenStreetMap-Mitwirkende

Räumliche Verteilung kommunaler Aktivitäten und Strategien im Klimaschutz

Die kommunalen Aktivitäten und Strategien im Bereich Klimaschutz sind im Ruhrgebiet räumlich unterschiedlich ausgerichtet. Ländlich geprägte Kommunen integrieren verstärkt erneuerbare Energien, da sie aufgrund ihrer Freiflächenanteile hohe Potenziale zum Ausbau von Windkraftanlagen haben und viele EigenheimbesitzerInnen Fotovoltaikanlagen installieren. Die Kommunen in  der urbanen Kernzone des Ruhrgebiets legen ihren strategischen Fokus auf Handlungskonzepte sowie die Beratung und Information im Bereich Klimaschutz und Energieeffizienz.

Autoren: Daniel Bläser, Henning Fort
Quelle: eigene Darstellung

Landschaftsräume und Energieproduktion

Für das Ruhrgebiet ist eine dichte Abfolge sehr heterogener Landschaftstypen charakteristisch. Während im Ruhrgebiet die Energieproduktion lange Zeit vorrangig auf dem fossilen Energieträger Kohle beruhte, birgt die Energiewende nun die Chance auf einen anderen, nachhaltigen Typus von Energielandschaft. Bereits heute zeichnet sich das Bild einer neuen Kulturlandschaft ab, auf der Biomasse angebaut wird sowie Fotovoltaik- und Windanlagen installiert werden. Diese Landschaften der Energieproduktion gilt es nun, auszubauen und mit konkurrierenden Belangen wie etwa dem Naturschutz auszutarieren.

Autoren: Daniel Bläser, Henning Fort
Quelle: eigene Darstellung